Ausgezeichnet: Müllsammler werden Manager

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Umweltpreis für das Abfallmanagement develoPPP-Projekt in Delhis Satelittenstadt: Anteilig bezahlt von Coca Cola und Tetra Pak Indien, implementiert von der NGO Saahas trennen nun 20.000 Haushalte und 400 Büros in Gurugram ihren Müll und jeden Tag werden 14,5 Tonnen davon verwertet – dafür hat das Projekt nun einen renommierten Preis bekommen.

Vaibhav Rathi, GIZ Indien Klima Wandel Team

Der typische Tag eines Abfallsammlers in Indien besteht darin, mit einem Sack kreuz und quer durch die Stadt zu laufen, in der Hoffnung, recyclebare Abfälle auf den Straβen zu finden, oder Zugang zu einer Deponie zu bekommen, um Verwertbares aus dem Müllberg zu fischen. In den stinkenden Haufen finden sich schmutzige Kleidung, Glasscherben, Plastikcontainer verdreckt mit Essensresten, PET-Flaschen, Rasierklingen und Metalle. Ihre geschulten Augen wissen, was sie auf dem Markt zu minimalen Preisen verkaufen können. Wenn sie den Abfall reinigen, gibt es einen etwas besseren Preis. Ihre Arbeitsbedingungen sind schrecklich. Ein typischer Müllsammler in Indien arbeitet 14 Stunden  am Tag für ungefähr 7 US-$. Ohne Schutzkleidung lauern  Schnittwunden durch zerbrochenes Glas oder Krankheiten durch verrottende Abfälle. All das für ein Mahlzeiten am Tag für ihre Familie, auf Kosten ihrer Würde und Gesundheit. Das ist die Realtität für geschätzt 4 bis 10 Millionen Müllsammler in Indien.

Müllsammler sind das lebendige Paradoxon für Indiens schnell wachsende Mittelschicht, die in riesigen Einkaufszentren shoppt und sich im Internet bestellte Waren nach Hause liefern lässt.

Alag Karo – eine 3-Mülltonnen-Revolution

Wie kann das Leben dieser Abfallarbeiter verbessert werden? Sie spielen eine entscheidende Rolle im indischen Abfallsystem, in dem 90 % der Müllsammler im informellen Sektor tätig sind und kaum über die Runden kommen. Die wichtigste Aktion für Veränderung in einem Mittelklasse-Viertel von Delhis Satellitenstadt Gurugram war: Die Trennung der Abfälle in 3 verschiedene Tonnen.

Initiiert durch das GIZ Indien Cluster für Klimawandel, umgesetzt im Rahmen des develoPPP.de (Public Private Partnership) Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und anteilig finanziert von Tetra Pak und Coca Cola Indien, setzt die indische NGO Saahas (https://saahas.org/)Maßnahmen um, mit der wichtigsten Botschaft: ‚Alag Karo: Har din 3 bin‘ (Mülltrennung! Jeden Tag in 3 Tonnen). Weitere Informationen: https://www.alagkaro.com/index.php

Die an Neu-Delhi angrenzende Stadt Gurugram ist in den letzten zehn Jahren rasant gewachsen – und ebenso ihr Müll. Auch hier ist das Kernproblem, das im Mittelpunkt aller Recyclingbemühungen steht, das Gleiche wie immer: Die Menschen praktizieren keine Mülltrennung. So war das erste Ziel des Alag Karo-Projekts, eine Verhaltensänderung der Bürger bei der Trennung von Abfällen in 3 Tonnen zu bewirken und Systeme aufzubauen, um eine nachhaltige Abfallentsorgung zu gewährleisten. Von Anfang an wurden die Müllsammler in das Projekt integriert und in bewährten Verfahren der Müllsammlung und -behandlung geschult. Es wurde erwartet, dass durch eine Mülltrennung in den Haushalten die Abfallsammler am meisten profitieren werden.

Um die Botschaft zu vermitteln, wurden die wichtigsten Abfallproduzenten in Gurugram angesprochen: Schulen, Hochschulen, kommerzielle Einrichtungen und Wohnungsbaugesellschaften. Das gemeinsame Bindeglied all dieser Erzeuger sind die Müllsammler, die ihren kargen Lebensunterhalt durch die Sammlung der Wertstoffe aus dem Abfall erwirtschaften.  Deshalb wurde parallel eine Kampagne zur Abfallentsorgung sowohl für Erzeuger als auch für die Müllsammler gestartet.

Mit Engagements in Wohngesellschaften, Schulen und Büros, mit Hunderten von Marathons für Mülltrennung, Straßenspielen, Schulungen und Informationskampagnen, durchgeführt mit Hilfe von zahlreichen motivierten Freiwilligen, sowie mit der Entwicklung von Monitoringsystemen für die Wege des Mülls, entwickelten sich binnen 2,5 Jahren Verhaltensänderungen und eine Institutionalisierung der Abfalltrennung.

Gleichzeitig wurden die Müllllsammler für einen besseren Umgang mit Abfall geschult und sie bekamen Ausweise, die ihre Rolle im Abfallmanagementsystem formal unterstreichen. Darüber hinaus wurden mobile Gesundheitszentren eingerichtetet, die Abfallsammler regelmäßige medizinische Untersuchungen anbieten. Zugleich hat das Projekt die Gründung einer formalen Müllarbeiter-Organisation untersützt, die Großveranstaltungen ihre Dienstleistungen im Abfallbereich anbietet.

Von kleinen Anfängen erreicht das Programm nun bereits mehr als 110.000 Menschen und 31.000 Studenten in Gurugram und hat es mit vielfältigen Kommunikationsformen geschafft, ihr Bewusstsein für Mülltrennung zu stärken. Zugleich wurden auch mehr als 450 Haushaltshilfen geschult.

Mittlerweile praktizieren mehr als 20.000 Haushalte und 400 Büros Abfalltrennung mit einer Effizienz von mehr als 85%. Das Ergebnis: Täglich werden mehr als 33 Tonnen Abfall getrennt. Und täglich werden 7,5 Tonnen Biomüll kompostiert sowie  7 Tonnen Trockenabfall zur Verwertung und Behandlung gebracht.

Dabei wurde pro 250 kg kompostiertem Biomüll ein Arbeitsplatz geschaffen. Mehr als 525 Abfallarbeiter wurden geschult. Damit wurden insgesamt  nicht nur die Arbeitsbedingungen für Abfallarbeiter verbessert, sondern sie erzielen auch höhere Einnahmen durch eine gesteigerte Menge und die bessere, weil getrennte Qualität an Recycling Materialen.

Auch die städtischen Behörden (Urban Local Body ULB) profitieren mit Einsparungen bei der Gebühr für die Müllabfuhr und den Abschlagszahlungen für die Deponierung.

Die wichtigste Wirkung des Programms ist die sichtbare Verbesserung der Arbeits- und Lebensgrundlagen der Müllsammler. Abfallarbeiter Prasannajit Roy, sagt: „Die Handhabung von Abfällen ist einfach geworden, weil es durch die Mülltrennung weniger Gerüche gibt. Auch der Verkauf von Trockenabfällen ist besser geworden, weil sie nicht mehr durch Bioabfall verunreinigt sind. Ich möchte diesen Job auch in Zukunft machen“.

Veränderung ist möglich

Dabei soll nicht geleugnet werden, dass dieses Programm das Ergebnis von Versuchen und Irrtürmern ist, mit Erfolgen, aber auch Fehlschlägen. Das Konzept, um Verhaltensänderungen zu bewirken, war nicht einfach zu formulieren. Anfangs war der Widerstand der Bürger groβ, ein häufiges Argument gegen Mülltrennung war: „Wir zahlen für die Dienstleistung, warum sollen wir uns um die Abfälle kümmern“.  Doch mit kontinuierlichem Engagement gelang eine weitgehend Verhaltensänderung.  Auch für die Müllsammlern war es schwierig, ihre Gewohnheiten zu ändern. So bereitete es vielen Unbehagen, persönliche Schutzausrüstungen zu benutzen. Als sie den gesundheitlichen Nutzen der Maβnahmen sahen, wurde die Veränderung angenommen. Dass der Müll nun getrennt gesammelt werden kann, war ein weiterer wichtiger Vorteil, der die Abfallarbeiter von dem Konzept überzeugte. Bessere Bedingungen und höhere Einkommen motivieren sie auch, im Beruf zu bleiben.

Für diese Ergebnisse wurde das Projekt im September 2019 mit dem „Dalmia Bharat – CSRBOX 6th CSR Impact Awards“ in der Kategorie WASH ausgezeichnet. CSRBOX ist Indiens führende CSR-Wissens- und Impact-Intelligence-Plattform, die mehr als drei Millionen Fachleute und Studenten aus den Bereichen Entwicklung, strategische Kommunikation, CSR, und Nachhaltigkeit verbindet.

Kontakt:

Vaibhav Rathi, Technical Advisor-Climate Change, GIZ India

vaibhav.rathi@giz.de